Nicht mit Pauken und Trompeten, sondern mit Marimbaphon und Flügel-Duo begann am Freitagnachmittag der Workshop Medien- und Musikentwicklung auf der Bühne des Studiotheaters an der Expo Plaza. In ihren Begrüßungen hoben Vizepräsident Prof. Dr. Franz Riemer und die Initiatoren des Workshops Prof. Dr. Gunter Reus und Prof. Dr. Carsten Winter das wechselseitige Verhältnis von Medien und Musik in Geschichte und Gegenwart hervor. Ein Verständnis von Musik und ihrer Entwicklung als der Entwicklung des komplexen Zusammenhangs ihrer Produktion mit ihrer Verteilung und Aufführung, ihrer Wahrnehmung und ihrer Nutzung erfordere heute, so ihr Plädoyer, eine multiperspektivische Erforschung. Wie, so lautete die Frage, hängen die Entwicklung von Medien und Musik zusammen?

Die folgenden von Catherina Dürrenberg und Carsten Winter rekonstruierten Inhalte der Vorträge können gemeinsam mit den Fotos und Videos freilich die Atmosphäre und Diskussion nicht einfangen. Sie sollen im besten Fall Lust auf mehr machen. Eine Fortsetzung der Diskussionen wurde mit den Referenten bereits vereinbart.

Freitagnachmittag: Neue Perspektiven auf Medien- und Musikentwicklung

Freitagnachmittag wurden verschiedene konkrete Herausforderungen im Zusammenhang mit ausgewählten Entwicklungen sowohl von Musik wie von Medien vorgestellt und diskutiert.

Den Auftakt machte Prof. Dr. Ulrich Taddays (Universität Bremen) Vortrag „Musikgeschichte als Mediengeschichte – Plädoyer für einen integrativen Begriff von Musikwissenschaft”. In Anlehnung an die Erkenntnis schon von Schopenhauer und Hegel, wonach alles mittelbar sei, fordert er, dass sich Musikwissenschaft dieser „Mittelbarkeit”, also „Medialität” von Musik programmatisch öffnet. Er schlägt vor, Musik als durch verschiedene Vermittlungsformen konstituierten Gesamtzusammenhang zu verstehen, der Musik sowohl als Vermittlungsform für Gedanken und Gefühlen wie auch ihre Vermittlung durch Kommunikationsmedien wie Notendrucke oder CD`s zu berücksichtigen vermag.

Die kritische Hermeneutik, so Tadday, habe längst gezeigt, wie Medien und Musik in gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse und Diskurse eingebunden sind. Erst deren Analyse und Rekonstruktion hat erkennen lassen, wie und warum Musik in Gesellschaft mit Bedeutung aufgeladen wird und wie abhängig die Bedeutung der Musik für Menschen von ihrer gesellschaftlichen und medialen Vermittlung ist.

Aktuell fordert vor allem die populäre Musik gesellschaftliche Vermittlungsverhältnisse von Musik und damit auch die Musikwissenschaft heraus, in dem sie ihren Gegenstandsbereich verändert, der nun von einigen kleiner und von andere größer gemacht oder durch Wertungen neu kartographiert wird. Diese Tendenzen, die eng mit der Entwicklung von Medien verbunden sind, erfordern es, wie Tadday aufzeigt, fachwissenschaftlich ernst genommen zu werden, um dem Fach seinen gesamten Gegenstandsbereich zu erhalten. Die Vielfalt von Musik und ihrer Vermittlungsformen gilt es nicht zu nivellieren, sondern diskursiv zu integrieren. Erst diese und eine entsprechende fächerübergreifende Zusammenarbeit ermöglichen es, die Hyperkomplexität, die durch die Zunahme globaler Information und Vernetzung entstehen und aktuelle medienethische Fragestellungen angemessen zu verstehen, die durch Musikpiraterie aufgeworfen werden, die Omnipräsenz von Musik in der Öffentlichkeit, oder auch am Ohr, die eine Vielzahl von sogar gesundheitlichen Gefahren birgt, usf.

Die Entwicklung von Medien und ihrer neuen Formen der Produktion, Verteilung, Wahrnehmung und auch Nutzung von Musik fordert, wie Dr. Benedikt von Walter, Digital Media Research Manager bei MTV Networks Germany,in seinem Beitrag „Internet boosts the Video Show – MTV im digitalen Zeitalter” anschließend zeigte, auch Ikonen der Musikindustrie heraus. Die neuen Bedingungen durch digitale Netzwerkmedien wie MySpace und YouTube haben das bestehende Quasi-Monopol auf die Vermittlung von Musikclips aufgebrochen. Auf diese Entwicklung reagiert MTV mit einem umfangreichen eigenen Angebot im Netz, angefangen von Musikvideos, Musikvideo-Spiele und Live-Veranstaltungen bis hin zu Game-Awards oder dem Format MTVRooky – einem Nachwuchswettbewerb im Netz. MTV entwickelt hier neue und mit der Marke vereinbare Möglichkeiten. Bei MTV sei man neugierig und optimistisch für die Zukunft und insbesondere darauf, wie sich MTV, die lange wertvollste Medienmarke der Welt, hier mit seinen Publika künftig gemeinsam entwickeln kann.

Die Rekonstruktion der Geschichte von Musikzeitschriften im Beitrag „Zum Wandel journalistischer Angebote in Musikzeitschriften” von Stefan Weinacht und Till Krause griff diese Entwicklungen mit Bezug auf deren längere Vorgeschichte auf. Ihre Analyse journalistischer Darstellungsformen und Bedingungen im historischen Spannungsfeld von sowohl Musikentwicklung wie individuellen und ökonomischen Interessen und gesellschaftlichem Wandel in sieben Phasen bot vielfache Anregungen zur Diskussion, ob und wie die Entwicklung der Musikzeitschriften mit der anderer Medien wie Radio, Schallplatte und Fernsehen in und über diese Phasen zusammenhängen oder ob sie doch eher oder vor allem individuellen, gesellschaftlichen oder ökonomischen Entwicklungen geschuldet sei, die im Beitrag jeweils als Treiber von Entwicklungen im Musikjournalismus ausgewiesen wurden.

Nach diesen musikwissenschaftlichen, managementstrategischen und journalistischen Perspektiven rückte PD Dr. Thomas Düllo in seinem Beitrag die Leute als zunehmend aktive Akteure der Popmusik in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Sein Beitrag „Popmusik als Medienentwicklungskraft” zeigte, wie bei der Produktion und Nutzung von Popmusik immer neue Einheiten von Differentem möglich werden und Popmusik so Medienentwicklungen im Kontext von drei Transformationsmöglichkeiten anregt: Erstens durch individuelle Entwicklung der eigenen Identität, zweitens die von sozialen und kulturellen Zusammenhängen und Beziehungen sowie drittens die von Musik selbst. Abschließend stellt er thesenhaft Differenzen vor, die Pop vereint: Anschluss und Novum, Dekontextualisierung und Rekontextualisierung, Performativität/Inszenierung mit einsamem Medienkonsum, Massenappeal und Nischen für afficionados usf. Die Möglichkeiten durch die Ubiquität digitaler Netzwerkmedien zur Nutzung von Musik an immer mehr Orten zu immer mehr Zeiten interpretiert er dabei nicht aus der Perspektive der Produzenten und Nutzer, damit folglich nicht als Problem, sondern als Chance für eine Renaissance der Musik in der Gesellschaft.

Diese mediale Renaissance der Musik durch Medienentwicklung aktiv als Veranstalter zu nutzen war Thema von Sören Birke, Geschäftsführer der Consense GmbH. Sein Beitrag „Web 2.0 Strategien für Veranstalter am Beispiel des Kesselhauses der Kulturbrauerei” rekonstruierte exemplarisch am Beispiel der Berliner Veranstaltungsorte Kesselhaus und Maschinenhaus Medien- und Marketingaktivitäten, und wie unter Wettbewerbsbedingungen heute Musikveranstaltungen durch Kommunikation und neue Informations-, Orientierungs- und Vernetzungsmöglichkeiten aufgewertet werden können und auch aufgewertet werden müssen, um in Berlin wahrgenommen und besucht zu werden. Auf diese Herausforderung reagiert er mit einer Erweiterung der Vernetzung der eigenen Angebote und auch Inhalte mit anderen im Netz anzutreffenden Inhalten etwa bei flickr oder YouTube, wenn dort z.B. Handymittschnitte von Konzerten eingestellt sind. Diese Einbindung von und die Vernetzung nicht mehr nur mit Kooperationspartnern, Bands und Künstlern und ihren Web-Repräsentationen und Aktivitäten sondern mit denen der Besucher erscheint aktuell als die Herausforderung der Zukunft. Medienentwicklung wird hier fast schon zur Voraussetzung für die Aufführung und Wahrnehmung von Musik und von deren Entwicklung in der Gestalt von Künstlern und Bands und in Konzerten.

Wenn auch die Wettbewerbssituation nicht so intensiv zu sein scheint wie in Berlin, so ähneln sich doch die Ausgangssituationen im Musikland Niedersachsen, wie der Geschäftsführer von Musikland Niedersachsen, Klaus Georg Koch, im seinem Beitrag „Musikkultur als Medienkultur – Innovationen im Musikland Niedersachsen” referierte. Auch hier, so Koch, spielt die Vernetzung von Akteuren die zentrale Rolle. Das Musikland Niedersachsen sieht seine Aufgabe in der Beratung und Vernetzung von bestehenden Angeboten, was in Form von Tagungen und Workshops und im Bereich von Musikpädagogik und Musikvermittlung bereits erfolgreich geschieht. Das Ziel aber besteht in einer umfassenden und möglichst alle gesellschaftlichen Gruppen erreichenden Belebung der Musikkultur in Niedersachsen. Diese ist, wie Koch erläuterte, auf Medieninnovationen angewiesen, die es möglichst vielen erlauben dazu beizutragen, Musik in Niedersachsen in seiner ganzen Vielfalt zu erleben – so umfangreich und unmittelbar wie möglich. Deshalb plant Musikland Niedersachsen, diese Teilhabe insbesondere über das Internet zu verbessern, über das möglichst viele Anspruchsgruppen und die Öffentlichkeit interaktiv angesprochen und zukünftig auch über Social Networking-Anwendungen und ein „Soundscape” – eine virtuelle Klanglandkarten Niedersachsens – aktiv eingebunden werden sollen.

Die anschließende Diskussion kam auf jeden der angesprochenen Beteiligten an der Entwicklung von Medien und Musik zurück, die Wissenschaft, die Medien- und Musikunternehmen, die Künstler, die Publika sowie auch die Veranstalter und Organisationen mit ihren verschiedenen Interessen und Intentionen an der Entwicklung von Medien und Musik in Gesellschaft zurück. Ein erstes Fazit war, dass die vielen Dimensionen des Zusammenhangs der Entwicklung von Medien und Musik erst in Ansätzen bekannt sind und erst noch mit Erfahrungen und Diskussionen entwickelt werden müssten. Genau zu diesem Zweck brachen die Teilnehmer des Workshops dann gemeinsam zu dem vom IJK und dem Popinstitut der HMTH veranstalteten Song-Contest Hören! 2009 auf.

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Rückblick: IJK-Workshop Medien- und Musikentwicklung

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