Wer Maria Mazo bei ihrer virtuosen Interpretation von Stravinskys „Der Feuervogel“ auf die Finger schauen möchte, muss an diesem Abend möglichst Erfahrung als Pop-Konzert-Besucher besitzen. Uneingeschränkten Blick auf die Pianistin am schwarzen Steinway-Flügel erlangt nur, wer sich im Foyer der HMTMH am Emmichplatz in die vordersten Reihen drängt oder einen Platz auf den Stufen ins erste Obergeschoss ergattern kann. Keine Bühne, keine Stühle, wenig Pathos, Klangkunst pur.

Die Präsentation des ersten Masterjahrgangs „Medien und Musik“ (MeMu) irritiert. Angelockt durch Ankündigungen über facebook, rätselhafte Videobotschaften der Studenten und Plakate, die allesamt mehr Fragen aufwarfen als Erklärungen boten, strömen die Besucher in die Hochschule. Dass bei „ade 2011“ mehr zu erwarten sei als „nur Musik“ hatten Antonia Klöpf, Sebastian Steinhardt, Julia Müller, Dominique Mayr, Maria Mazo und Alexander Schories bereits im Vorfeld angekündigt. „Ich hoffe, dass wir den Blick auf das Konzert als solches wirklich erweitern können“ beschreibt Letzterer seine Erwartung an die Veranstaltung.

Anstelle ausliegender Programmhefte stehen im Eingangsbereich der Hochschule nun rund ein halbes Dutzend Laptops bereit. In Youtube-Manier geben die Protagonisten hier Einblicke in ihre Biographien, erläutern in kurzen Filmen ihre Motivation „Medien und Musik“ zu studieren und formulieren Wünsche hinsichtlich zukünftiger Betätigungsfelder. Die Besucher schlendern von Tisch zu Tisch, tauschen die Kopfhörer, lauschen den Beiträgen – ungezwungene Atmosphäre.

Mit einem buchstäblichen Paukenschlag findet das entspannte Treiben gegen 19:30h ein jähes Ende. Begleitet von Mine Feldkamp lässt die Trommel-Einlage von Dominique Mayr keinen Zweifel daran, dass es nun beginnt, das Konzert. Im Halbkreis gruppiert sich das Publikum um die beiden Beat-Akrobaten. Die Szenerie erinnert mehr an eine Jam-Session als an eine „klassische“ Aufführung.

Dass die Begegnung von Künstlern und Zuschauern auf Augenhöhe ein zentrales Anliegen der Organisatoren sei, erläutert Kommilitonin Antonia Klöpf, die ihr Moderationstalent an diesem Abend immer wieder unter Beweis stellt. Sie erklärt, dass die Studierenden mit „ade 2011“ nicht nur einen Rahmen für ihre künstlerischen Darbietungen schaffen, sondern auch ihre erworbenen Kompetenzen als Studierende des neuen Studiengangs Medien und Musik mit ihrem Schwerpunkt Strategie aufzeigen wollen und zudem dazu anregen möchten, sich aktiv mit dem „Wandel von Aufführungskultur“ zu beschäftigen. Dass sich hinter dieser Aussage keine hohle Phrase verbirgt, demonstrieren die MeMu’s prompt, indem sie die HMTMH-Professoren Dr. Ruth Müller-Lindenberg (Professorin für Historische Musikwissenschaft) und Dr. Gunter Reus (Sprecher des Studiengangs Medien und Musik) zu einer ersten Live-Diskussionsrunde an ihren Tisch bitten. Es folgt ein angeregter Austausch über „Vergangenheit und Gegenwart“ musikalischer Darbietungsformen.

Abermals ist es Dominique Mayr, der mit der Einspielung von Youtube-Filmen Akzente setzt und den Anwesenden vor Augen führt, welche Erweiterung der Möglichkeitsraum für Künstler und Publikum durch die Verbreitung neuer Medien und insbesondere des Web 2.0 erfahren hat.

Für den vorläufigen Höhepunkt sorgt im Anschluss Sebastian Steinhardt, dessen Eigenkomposition „Blue Flower“ als Videosequenz auf der Leinwand startet, dann aber nahezu unbemerkt von ihm am Flügel adaptiert wird. Die Grenzen zwischen Aufnahme und Live-Performance scheinen zu verwischen.

Nach einer kurzen Pause folgt der von manchen Besuchern sicherlich ersehnte Ortswechsel in bestuhlte Gefilde. Wer angesichts des Umzugs in den klassichen Konzertsaal jedoch meint, der überraschungsgeladene Teil des Abends sei nun beendet, liegt falsch. So ist es zunächst Pianist Alexander Schories, der als Mitglied der A-Capella-Gruppe „str8voices” zeigt, dass sich sein musikalisches Können nicht nur auf das Klavier beschränkt, was im weiteren Verlauf durch seine Darbietung von vier Stücken aus den „24 Préludes op. 28” von Frédéric Chopin mehr als deutlich wird. Nicht weniger eindrucksvoll: Julia Müller, ebenfalls Pianistin, mit ihrer Interpretation von Maurice Ravels „La Valse”, begleitet von Ivan König.

Doch auch in der vertrauten Umgebung des Richard Jakoby Saals vergessen die Studierenden des neuen Studiengangs nicht ihr eingangs gestecktes Ziel, das oftmals noch sehr starre Format des klassischen Konzerts zu „varrieren und flexibel [zu] gestalten“ (Julia Müller, 2011). Sie laden Dr. Carsten Winter (Professor für Medien- und Musikmanagement) und Prof. Markus Becker (mehrfacher Echo-Klassik-Preisträger, Vizepräsident der HMTMH und Professor für Klavier und Kammermusik) ein, die aufgezeigte Entwicklung unter dem Stichwort „Gegenwart und Zukunft“ mit ihnen zu diskutieren. Bevor das Publikum alsbald mit reichlich Gesprächsbedarf ins Foyer entlassen wird, gelingt Dominique Mayr, wie bereits zuvor die Ouvertüre, auch das percussive Finale mit einer Cover-Version von „Played-A-Live“ (Safri Duo).

Das Resümee: Die Studierenden des ersten Jahrgangs „Medien und Musik“ haben mit „ade 2011“ gezeigt, dass sie über mehr verfügen als eine exzellente künstlerische Ausbildung. Man traut diesen MeMu’s nicht nur zu, dass sie zukünftig erstklassige Konzerte geben sondern auch, dass sie Strategien und Formate entwickeln, die einer möglichen „Krise der Darstellungsform“ entgegenwirken. Weshalb die im Rahmen des Masterstudiums erworbenen Medien- und Managementkompetenzen hierfür unabdingbar sind, bemerkt Student Sebastian Steinhardt:

„[…] weil man die Medien braucht und sehr gut nutzen kann, um den Menschen Musik zu vermitteln und näher zu bringen.“

Herzlichen Dank an Denis Gastreich für die Videoaufnahmen.

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„ade 2011“: Medienmusikalische Doppelkompetenz!
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